Der Zapfenstreich
Erläuterungen zu einem musikalischen Schauspiel.
Zur Geschichte:
Der Ursprung des „Zapfenstreichs“ liegt in der Zeit des
30-jährigen Krieges (1618-1648). In den Lagergassen wurde zur Sperrstunde
durch den Profos – seines Zeichens Quartiermeister und Strafgewaltiger
bei den Landsknechthaufen – mit einem Stab über die Zapfhähne
der Weinfässer gestrichen. Danach war es den Marketendern verboten, den
Hahn an diesem Abend noch einmal aufzudrehen. Die Landsknechte mussten sich
nun umgehend in ihre Quartiere begeben. Noch heute ist der Ausdruck „Zapfenstreich“
im militärischen Bereich als Gebot der Heimkehr ins Quartier ein Begriff.
Der eigentliche „Zapfenstreich“ wurde durch das „Locken zum
Zapfenstreich“ eine Viertelstunde vorher angekündigt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts traten neben die traditionellen Gruppen der alten
Feldmusik, der Spielleute der Infanterie und der Trompeter der Kavallerie, immer
stärker die Hautboisten-Korps der Fußtruppen-Regimentsstäbe.
Durch die schnell fortschreitende Entwicklung der Militärmusik und Einführung
der Ventile bei den Blechinstrumenten, wurden ausgezeichnete Voraussetzungen
für die wirkungsvolle Gestaltung des „Großen Zapfenstreichs“
geschaffen, welche Wilhelm Wieprecht (1802-1872) zu nutzen verstand und ein
grandioses Musikwerk zusammenstellte. Erprobt wurde seine Fassung bei einem
„Monstre-Konzert“ zu Ehren des „Zaren Nikolaus I. von Russland“
1838. Zwei Jahre später gab Wieprecht den „Großen Zapfenstreich“
in unveränderter Form bei der Schlesinger’schen Buch- und Musikalienhandlung
in Berlin heraus. Er baute im „Großen Zapfenstreich“ ein Triptychon
– ein dreiteiliges „Bild“ – aus den Grundpfeilern der
alten Feldmusik und den ihn faszinierenden Möglichkeiten des großen
Blasorchesters in der Gestalt der nun „Janitscharenmusiken“ genannten
späteren Musikkorps der Infanterie.
Während der Modus eines Gebetes Anfang des 19. Jahrhunderts bei der russischen,
österreichischen und schwedischen Armee – den Verbündeten der
preußischen Armee von 1813 – längst eingeführt war und
besonders in der russischen Armee deren berühmte Chöre nach dem „Zapfenstreich“
ein geistliches Lied sangen, schloss sich die preußische Armee erst nach
einer Kabinetts-Ordre des Königs vom 10. August 1813 an. Der preußische
König Friedrich Wilhelm III. begleitete seinen Verbündeten –
den Zaren Alexander I. von Russland – nach der großen Schlacht von
„Groß-Görschen“ am 2. Mai 1813 gegen Napoleon, auf das
Schlachtfeld zu den Kriegern. Die russischen Soldaten standen entblößten
Hauptes in Andacht beim Zapfenstreich und beteten. Ergriffen unter dem tiefen
Eindruck dieser abendlichen Stunde ordnete er für die preußische
Armee eine ähnliche Einrichtung an. Somit ist der Einbau des Gebetes in
die Partitur Wilhelm Wieprechts motiviert. Nach russischem Vorbild bildete das
Kirchenlied „Ich bete an die Macht der Liebe“ von Dimitrij Bortnjanskij
(1751-1825), dem Direktor der St. Petersburger Hofsänger-Kapelle, den Abschluss
des „Zapfenstreichs“.
„Der Große Zapfenstreich“ durfte nur bei besonders feierlichen
Anlässen als militär-musikalisches Schauspiel in zeremonieller Form
aufgeführt werden. Dem ging stets ein anspruchsvolles Programm –
auch „Serenade“ genannt – voran. Es ist bemerkenswert, dass
die Gestaltung und der Gesamtrahmen eines „Großen Zapfenstreichs“
bis zum Ende des II. Weltkrieges ohne eine bindende Vorschrift blieb. In den
Standort-Dienstvorschriften waren lediglich diejenigen nationalen und militärischen
Feiertage genannt, die mit einem „Großen Zapfenstreich“ gekrönt
werden sollten. Erst in der Bundeswehr erfolgte durch Festlegung des Rahmens
(Militärisches Geleit, Fackelträger und Kommandos) und des Aufstellungsschemas
eine formale Festlegung, die Varianten nicht ausschließt, im übrigen
aber Wieprechts musikalische Grundkonzeption unverändert bestehen lässt.
Teile des Grossen Zapfenstreichs:
„Locken zum Großen Zapfenstreich“
Dieses Stück erscheint in der Partitur Wilhelm Wieprechts und ist notengetreu
in das Exerzier-Reglement für die preußische Infanterie 1847 als
Ordonnanz für Pfeifer, Trommler und Hornisten übernommen. Ursprünglich
wurde der eigentliche Zapfenstreich durch das Vor-Signal „Locken zum Zapfenstreich“
eine Viertelstunde vorher angekündigt (siehe Vorerwähntes). Die gesamte
Fassung „Locken zum Großen Zapfenstreich“ wurde 1968 vom Metrum
des 2/4-Taktes in das Metrum des 6/8-Taktes geändert, um eine sichere Stabführung
und eine Ausführung in besserer technischer Qualität zuzulassen.
„Großer Zapfenstreich“
Hier handelt es sich um einen Zapfenstreich-Marsch, dem eine Ankündigung
durch einen langen Wirbel der Tambours unter einem d/cis-Triller der Pfeifer
vorangeht. Ein Solo-Tambour schlägt dann die charakteristischen 8 Schläge
nach alter Vorschrift, die 8 Schritten im Tempo des nachfolgenden Zapfenstreich-Marsches
entsprechen. Der Zapfenstreich- Marsch kann von den Spielleuten allein ausgeführt
werden; ist jedoch das Musikkorps anwesend, müssen die Pfeifer schweigen,
weil deren Marsch eine abweichende Melodie hat. Die Trommler schlagen den rhythmisch
ausgezeichneten Marsch mit.
„Zapfenstreich der berittenen Truppen“
Erstmalig aufgezeichnet ist das alte Reitersignal in drei Posten im Exerzier-Reglement
für die Königliche Preußische Kavallerie von 1812. Dort ist
das Signal einstimmig notiert und der dreifache Zungenschlag der alten Feldtrompeter
in den Noten nicht fixiert, sondern nur durch zwei Sechszehntelnoten angedeutet.
Wieprechts Partitur von 1840 drückt jedoch die überkommende Praxis
durch Notation des Signals in Triolen- Zungen deutlich aus; sie weist auch zum
ersten Male die wirkungsvolle Harmonisierung mit vollbesetztem Trompeter-Korps
und Ventil-Instrumenten auf.
„Zeichen zum Gebet“
In der Wieprecht’schen Konzeption und in allen Bearbeitungen des „Großen
Zapfenstreichs“ bis zum heutigen Tag ist der an sich bei den Trompeter-Korps
im Reglement verankerte „Ruf zum Gebet“ ausgespart. Dafür ist
das schöne Stück der Spielleute - das sog. „Zeichen zum Gebet“
- eingebaut. 1968 wurde das Metrum dieses Stückes von 2/4-Takt in 6/8-Takt
geändert. Die lang ausklingende Fermate dieses Stückes wird bis zur
Mitte der Spieldauer von einem Decrescendo-Triller (leiser werdender Triller)
der Pfeifer begleitet. Bis zum „Morendo“ (Ersterben) führen
dann die Trommeln ihren verklingenden Wirbel weiter.
„Gebet“
Die drei langen Fermaten am Schluss des „Gebets“ werden durch Wirbel
der Tambours verstärkt. Dabei können sie als Unterlage ohne jegliche
Betonung durchgewirbelt werden. Vielfach findet sich aber auch der Modus, die
drei Fermaten zu trennen. Dann müssen die Wirbel auf Zeichen jeweils abgeschlagen
werden, um eine gemeinsame, präzise Beendigung und einen gleichfalls präzisen
Einsatz zwischen Musik und Spielleuten zu erreichen. Die Verständigung
zwischen Dirigent und dem Stabführer, jedoch auch zwischen Stabführer
und Tambours hierbei ist zwingend notwendig. Nach 1933 wurden mehrere Versuche
unternommen, Bortnjanskijs Komposition „Ich bete an die Macht der Liebe“,
die in Preußen zum Choral erhoben worden war, zu ersetzen. Die klassische
Grundform, wie sie Wieprecht zusammengefügt hatte, blieb jedoch erhalten
(siehe Vorerwähntes).
„Abschlagen nach dem Gebet“
Der Modus des „Abschlagens“, einer Disziplin bei den Fußtruppen,
lebt im „Großen Zapfenstreich“ in diesem Signal der Pfeifen
und Trommeln auf.
„Ruf nach dem Gebet“
Wilhelm Wieprecht hat es verstanden, dieses schöne alte Reitersignal, das
motivisch noch einmal die 1. Post des „Zapfenstreichs der berittenen Truppen“
zitiert und dann in den alten Modus des „Abfalles“ übergeht,
auf der Basis mit einem Orgelschluss eindringlichster Wirkung zu versehen.
An dieser Stelle war bis zum I. Weltkrieg der „Große Zapfenstreich“
beendet.
„Nationalhymne“
Nach 1920 wurde üblich, die Nationalhymne als Abschluss folgen zu lassen.
Stabführer und Spielleute müssen bis zum Einsatz im letzten Teil auf
das Tempo der Musik achten, damit sie dann in den Druckwirbeln nicht aus dem
Tempo fallen.
Landsmannschaftlich bedingte Abweichungen
Anders als bei der Wieprecht’schen Konzeption des „Großen
Zapfenstreichs“ wird in Bayern als zweiter Teil der „Bayrische Zapfenstreich“
und als Gebet das „Bayrische Militärgebet“ gespielt.
In Sachsen stand als zweiter Teil der „Sächsische Zapfenstreich“.